Warten – verlorene Zeit oder elementarer Teil der Ausbildung?
Hinweis: Die Videos befinden sich am Ende des Beitrags.
Warten gehört zu den am meisten unterschätzten Elementen im Pferdetraining. Für viele Reiter fühlt es sich nach Stillstand an, nach verlorener Zeit. Das Pferd steht, es passiert scheinbar nichts – also kann es ja kein Training sein.
Genau hier liegt der Denkfehler.
Warten ist kein Nichtstun.
Warten ist aktives Training.
Und oft ist es der entscheidende Gamechanger – ganz egal, ob wir über Jungpferde, hibbelige Pferde oder echte Problempferde sprechen.
Hier geht es im übrigen zu unserem Jungpferdekurs auf Heartland.
Denn beim Warten lernt das Pferd etwas Grundlegendes:
Es wartet auf seinen nächsten Job.
Und dieser nächste Job muss nichts Großes sein.
Das kann ein einzelner Schritt sein.
Ein Anhalten.
Ein ruhiges Stehen.
Oder später eine ganze Lektion.
Warten heißt nicht Stillstand – sondern Orientierung
Ein Pferd, das warten kann, denkt nicht selbstständig vor, sondern orientiert sich am Menschen. Es reagiert nicht reflexartig, sondern fragt – bildlich gesprochen:
Was willst du als Nächstes von mir? Warten hat also auch etwas mit Zuhören zu tun – und nur rein Pferd das Dir zuhört, ist auch wirklich bei Dir!
Genau das bringt Ruhe in die Ausbildung – körperlich wie mental.
Viele Pferde sind nicht dominant, nicht respektlos und auch nicht schwierig. Sie haben schlicht nie gelernt zu warten. Sie reagieren schneller, als sie denken – und schneller, als der Mensch führen kann.
Iggy (im Video1 und 2 am Ende des Beitrags)– wenn Training Selbstverteidigung ist und Warten alles verändert
Iggy war kein normales Trainingspferd. Das Training mit ihm war zu Beginn reine Selbstverteidigung. Er ist gestiegen, hat gezielt nach Menschen geschnappt – massiv versucht zu beißen, versucht zu treten und ist aktiv auf den Menschen losgegangen, wenn man ihm Raum bei der Freiarbeit oder am langen Arbeitsseil gab.
Da ging es nicht um Ausbildung, nicht um Lektionen und schon gar nicht um Reitweisen. Da ging es darum, heil und unverletzt aus der Situation herauszukommen – anfangs reine Selbstverteidigung!
Und genau hier wurde Warten zum Gamechanger.
Nicht als passives Stillstehen, sondern als klares, bewusstes Warten auf den nächsten Job – ohne Ausweichen, ohne Zurückweichen.
Ich bin stehen geblieben, habe selbst gewartet und bin trotz seiner massiven Drohgebärden ruhig nach vorne gegangen, statt Raum zu geben.
Das hat Iggy völlig aus dem Konzept gebracht.
Seine Besitzerin sagte später nur:
„Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so dicke Eier hat!“
Aber es ging nicht nur um Mut und schon gar nicht um Härte, sondern um klare, ruhige Führung…. und um Vertrauen. Und um das Training auf Kurzer Distanz – das Training ins WARTEN.
Mit diesem Warten kam Ruhe in das System.
Mit der Ruhe kam Sicherheit.
Und erst auf dieser Basis wurde Ausbildung überhaupt möglich.
Was aus diesem WARTEN als Gamechanger beim Reiten passiert – sehr ihr im 2. Video. Auch hier haben wir das WARTEN eingebaut – Ergebnis war wieder Ruhe
Bubble (im Video 1 am Ende des Beitrags) – hibbelig, schnell im Kopf weg und immer einen Schritt zu weit
Bubble war ein ganz anderer Typ.
Nicht gefährlich, aber permanent ein wenig unter Strom.
Früh angeritten, extrem sensibel, jede Bewegung und jedes Geräusch wurden sofort verarbeitet – meist schneller, als es sinnvoll war.
Bubble hatte nie gelernt zuzuhören.
Er hat vorweggenommen, interpretiert, reagiert – aber nicht gewartet.
Sobald der Mensch innerlich unklar wurde oder gar unsicher war, hat Bubble übernommen.
Der Wendepunkt kam auch hier durch das Warten.
Bubble lernte, dass sein Job nicht (meist übertriebene) eigene Reaktion ist, sondern Abwarten.
Abwarten, was der nächste Schritt ist.
Abwarten, ob überhaupt etwas kommt.
Abwarten, statt ständig selbst Entscheidungen zu treffen.
Damit wurde er ruhiger, klarer und ansprechbarer – die Basis für seine weitere Ausbildung zum Ranch Horse und genau das, was später auch ein extrem gutes Freizeitpferd ausmacht.
Warten im Alltag – Sicherheit für Pferd und Reiter
Warten zeigt sich nicht nur im Training, sondern im ganz normalen Alltag.
An der Aufstiegshilfe:
Ein Pferd, das warten kann, läuft nicht los, sobald der Reiter im Sattel sitzt. Es bleibt stehen, bis der Mensch bereit ist. Das gibt enorme Sicherheit – vor allem für den Reiter.
Am Anbindebalken:
Warten bedeutet hier nicht angebunden sein, sondern RUHE und bringt SICHERHEIT… und trotzdem mental präsent zu bleiben. Der Job lautet warten, bis der nächste Auftrag kommt. Kein Scharren, keine Panik, kein Losreißen.
An der Bundesstraße:
Ein LKW donnert vorbei. Laut, schnell, bedrohlich.
Ein Pferd, das warten kann, bleibt beim Menschen. Es orientiert sich, statt reflexartig zu flüchten. Das ist Sicherheit in der Situation – für Pferd und Reiter. WARTEN bringt auch hier SICHERHEIT. Und aus SICHERHEIT kan VERTRAUEN entstehen.
Warten im Training – Ruhe zwischen und innerhalb der Lektionen
Auch im Reiten selbst ist Warten elementar.
Zwischen Lektionen.
Innerhalb von Lektionen.
Bei Gangartwechseln.
Ein gut ausgebildetes Pferd hetzt nicht von Aufgabe zu Aufgabe. Es wartet. Es bleibt ansprechbar. Es bleibt klar. Es hört Dir zu und ist “bei Dir”.
Diese Ruhe macht Ausbildung sauber, fair und nachhaltig.
Warten trainiert aber auch den Menschen
Am Ende ist Warten nicht nur ein Trainingsinstrument für das Pferd – sondern eine echte Schulung für den Reiter – also für Dich selbst!
Der Mensch lernt:
seine Energie bewusst zu regulieren,
seine Körpersprache klarer einzusetzen,
eindeutig zu kommunizieren.
Ein Pferd kann nur zuhören warten, wenn der Mensch klar ist.
Unruhe beim Menschen erzeugt Unruhe beim Pferd.
Klarheit erzeugt VERTRAUEN und bringt auch klare Ergebnisse.
Wir sprechen hier nicht von Partnerschaft wie in einer Ehe – einer Partnerschaft die von Diskussionen lebt, sondern von klarer Führung.
Der beste Chef der Welt ist ruhig, berechenbar und klar.
Und der beste Mitarbeiter, also Dein Pferd, wartet auf seinen nächsten Auftrag, seinen nächsten Job.
Fazit
Warten ist keine verlorene Zeit.
Warten ist Ausbildung.
Warten ist Sicherheit.
Warten ist Klarheit
Und sehr oft ist Warten genau der Punkt,
an dem aus Chaos Struktur wird
und aus Reaktion echtes Zuhören.
Und aus all dem VERTRAUEN!
Wie man dieses WARTEN erarbeitet, welche Tipps und Tricks es dazu gibt, erfahrst Du demnächst in unserem PRO BALANCE CLUB.
… ride with your heart! – und immer schön WARTEN trainieren 😊
Dein Tom Büchel
UPDATE zu IGGY
Nachdem sich nun fast 40.000 (Pferde)menschen den Post auf Facebook mit IGGY – dem Pferd, das auf Angriff gepolt war – angeschaut haben hier ein kurzes Update. Er akzeptiert problemlos und ohne Stress die Gerte und hat gelernt auf Hilfen zu warten. Daraus erarbeiten wir Step by Step die Basis für ein zuverlässiges Reitpferd – vom Boden in den Sattel. An dieser Stelle auch ein riesen Lob an die Besitzerin, nicht nur dafür, dass die sie sich traut, nun mit ihm zu arbeiten, sondern vor allem, dass er eine faire Chance bekommen hat. Dafür muss sie nicht nur viel Mut, sondern auch Zeit und Geld aufbringen und vor allem eins: viel HERZ! (Fast) jeder andere hätte ihn dem Händler zurückgegeben – egal was dann mit ihm passiert!
… ride with your heart! – und das beweist sie gerade!
Euer Tom
